Erste Nennung Ildehausen

Von Ministerialrat  a. D.  Dr.  Rudolf  B e n z e  aus Ildehausen

 

 

Die ehrwürdige  Urkunde stammt vom 26. Juni  952, also aus einer Zeit, in  der das unserer Landschaft entsprossene Geschlecht der Liudulfingischen  „Sachsenkammer“ das Deutsche Reich und nicht zuletzt unsere Heimat zu neuer Blüte führte. Was die Urkunde enthält, ist nicht weltbewegend, steht aber doch im Zusammenhang mit den großen Zeitereignissen und – nennt uns zum erstenmal den Namen unseres Dorfes.

 

Der spätere Kaiser Otto 1. tauscht darin mit seinem Lehnsmann Hermann Billing ( meist Billung genannt )  königliches Eigentum im ehemaligen Slawenlande gegen Billungsche Besitzungen und Rechte am Westrande des Harzes. Da der König stets nur wertvollstes Land und irgendwie bedeutungsvolle Orte erhielt, konnte Billung seinem Herrn ebenfalls nur solche anbieten. So können wir mit Recht annehmen, das auch unser Hildeshuson damals an Wert und Bedeutung sich aus anderen Orte heraushob.

 

Was aber damals Ildehausen begehrenswert sogar für den König machte, waren zweifellos gute Ländereien und Jagdgründe, sowie seine besondere Lage. Beackert und waldfrei war zu jener Zeit außer der unmittelbaren Umgebung der Dorfstätte wohl fast nur der Nordwesten der heutigen Feldmark, das noch 1758 „Schwalenbergsfeld“ genannte Drittel. Hier lag und liegt wertvoller Lößboden, der seit vielen Jahrhunderten Menschen anzog, wie die Funde sogar vorgeschichtlicher Steinwerkzeuge dort bezeugen. Auch Flurnamen wie „in den Güldenackern“ deuten darauf, ebenso der einzige noch vorhandene „Meierhof“ ( Karl Kolle ), ihre Hauptländereien dort hatten.

 

Noch wichtiger aber war Hildeshuson durch seine Lage. Die „Frankfurter Heerstraße“ seit der Eroberung durch die Franken (etwa 600) einer der wichtigsten Verbindungen zwischen Süddeutschland und der Nordsee, mit den Anschlüssen nach dem Osten, überschreitet bei dem Dorfe zwischen zwei berüchtigten Pässen (am Harzhorn und beim heutigen Neuekrug) die feuchten Niederungen des Rodenbaches ( Eterna ), der Ilde und Nette. So errichteten schon die Franken hier ein „festes Haus“ – daher „Hildeshuson“ - , das noch 1679 „Alte Burg“ genannt wird. Es lagt entweder im „Wüsten Camp“ ( westlich des Meierhofes) oder beim einstigen Königlichen Vorwerk „uf den alten Höffen“ am Rodenbachsübergang, wo noch jetzt die schöne Quelle sprudelt. Die Staufenburger Erbregister von 1577 und 1613 verzeichnen auch einen „ Königskamp“ und „Königsberg“ südlich des Dorfes beim „Kleinen Teiche“. Nicht weit vom Dorfe, bei der heutigen „Eulenburg“, zweigt auch die Straße durch den Ambergau ( Bockenem) nach Hildesheim ab und stößt bald danach die große Thüringer Straße, um den Südwestrand des Harzes kommend, auf die Frankfurter.

 

Schließlich sei erwähnt, das Ildehausen der südlichste Ort des gesegneten Amergaues war und das seine südliche Feldmarksgrenze am Rodenbache einen Teil der Grenzscheide zwischen den Diözesen Mainz und Hildesheim bildete, wie sie vordem schon die altsächsischen Stämme der Engern (südlich) und der Ostfalen geschieden hatte.

 

Diesen wertvollen Neubesitz in Hildeshuson, Dasingerod und Heristi schenkt Otto 1. schon im folgenden Jahre – nach einer gleichfalls erhaltenen Quedlinburger Urkunde von 953 – dem von ihm und seiner Gemahlin Adelheid gegründeten Mauritiuskloster zu Magdeburg, aus dem bald das für die Rückgewinnung des einst germanischen Ostens bedeutsame Erzbistum Magdeburg erwächst. Er fügt sogar noch königliche Altbesitzungen unserer näheren und weiteren Umgebung hinzu: Helisungen (Helsungen), Getlithi (Gittelde), Vuilliehusum (Willensen), Agesthorp (Eisdorf) und Gutiigun (Göttingen). Alle diese Besitzungen zeigen zugleich, daß das Geschlecht der Liudolfingischen Sachsenkaiser, dem Otto angehörte und das mit unserer engeren Heimat eng verwachsen war (Brunshausen 852, Gandersheim), hier viele Besitzungen hatte und sich oft und gern hier aufhielt (Staufenburg!). So hat auch die mündliche Überlieferung viel für sich, dass der „Vogelherd“, an dem Herzog Heinrich 1. im Jahre 919 von der Kunde seiner Wahl zum deutschen Könige überrascht wurde, nahe der Staufenburg „Heinrichswinkel“ gelegen habe, über den eine bekannte Vogelzugstraße führt.

 

Ausdrücklich sei darauf hingewiesen, dass 952 keinesfalls das Gründungsjahr Ildehausen ist. Vielmehr ist es ganz sicher, dass Ildehausen eines der ältesten Siedlungen am westlichen Harzrand ist, dessen Entstehung sich für uns im Dunkelnder Vorgeschichte verliert. Zwar besitzen wir darüber keine älteren, schriftlichen Aufzeichnungen, aber ein einziges Wort beweist das und hilft uns, weiter zurückzuschauen in die vorchristliche Zeit : der Name des Dorfes selbst : Hildeshuson (952,953), Illedhehusen (1142), Ellethehusen (1148), Hilledheusen (1209), Ildehusen (1442 und später).

 

Streichen wir nämlich die Endung  -huson ( - hausen), die von den Franken mit Vorliebe bei neuen Ortsgründungen verwendet und oft an die Namen derjenigen älteren Siedlungen angefügt wurde, in denen sie ein „festes Haus“ zur Sicherung ihrer Eroberung errichtet hatten, so bleibt als ursprünglicher, vorfränkischer Name unseres Dorfes „Hillethe“, ähnlich dem Getlithi und Heristi und völlig gleich dem alten Namen von Groß- und Klein-Ilde : Hillethe. Die Orte mit der Namensendung  -thi oder –the aber gehören bei uns zu den allerältesten  Siedlungen, deren Entstehung gewiss mehrere Jahrtausende zurückliegt.

 

Als besonders ehrwürdig wird unser Heimatdorf dadurch erwiesen, dass sein Name „Heilige Stätte“ bedeutet. Danach hat hier schon lange vor der Christianisierung eine altgermanische Stätte der Gottesverehrung gelegen, und wir gehen gewiss nicht fehl, wenn wir diese auf den weit ins Tal vorspringenden „Kirchenbrink“ suchen, auf dem heute der schön geschwungene Kirchturm emporragt.